Dienstag, 17. Februar 2009

Liebesgrüße aus Kazan

 

Samstag, den 7. Oktober 2006

 

Die Anreise von Berlin, mit 10-stündigem Aufenthalt in Moskau, dem Weiterflug in einer 20 Jahre alten Tupolev, ist überhaupt nicht beschwerlich. In Kazan gelandet sind alle sofort glücklich. Es sind 2 Grad und der Busfahrer schwärmt von den langen, dunklen Wintern der Stadt. Es gebe drei Flüsse in Kazan wovon einer die berühmte Wolga sei. Morgen soll es eventuell schneien! Wir sind verzaubert. Nachts beziehen wir unser Zimmer in der Etage für ausländische Mitarbeiter des Studentenwohnheims. Wir haben eine eigene Küche und Michael kocht für alle Palmini mit Tomaten. Dazu gibt es Bier. Die Heizung läßt sich nicht regulieren. Die Waschkabinen sind sauber. Die Hähne für „heiß“ und „kalt“ hat ein russischer Kauz vertauscht.

 

Sonntag, den 8. Oktober 2006

 

Alle schlafen bis 9.30 Uhr und drängen dann gemeinsam in die Waschräume. Bulat holt uns ab. Wir fahren in einer Original Straßenbahn von 1827 zur Universität. Auf der Suche nach einem Frühstückscafé landen wir in einem neongelb gestrichenen Schnellimbiß. Dort gibt es die besten Blinis der Welt. Bulat belehrt uns: Grelle Farben seien typisch tatarisch. Anschließend sehen wir einen lobenden Film über Kazan im neuen Konferenzraum der Kazaner Uni. Der Film knüpft an die Bildästhetik der frühen Jahre westdeutschen Privatfernsehens an, ist aber erst ein Jahr alt. Dann lernen wir uns alle kennen. „Olga von der Wolga“ macht uns vor, wie Eselsbrücken das menschliche Namensgedächtnis unterstützen können. Bulat behauptet sein Namen bedeute „Hart wie Stahl“, wir sehen ihn an und können es kaum glauben. Am Nachmittag werden wir durch die Kul-Scharif-Moschee und die „Gottesmutter von Kazan Kirche“ geführt. Die Frauen müssen sich Tischdecken über die Köpfe legen. In beiden Gotteshäusern wurden die Sitzbänke vergessen – oder eingespart. Dafür gibt es aber ein neues Eishockeystadium und ein neues Einkaufszentrum, dass sich „Glück“ nennt.

 

Montag, den 9. Oktober 2006

 

Die Sonne scheint. Endlich können wir wieder Farben sehen. Vorherrschend sind himmelblau (oben), gelb (Laub, in Kazan stehen sehr viele Bäume), dreckig-erdfarbend (Autos), pastell (Häuser), neonfarbend (Leuchtreklame und Bistro). Der geladene Professor erscheint nicht. Man berichtet uns, dass Prof. Farushkin eine Koryphäe und ein Unikum sei. Er besitzt eine starke Autorität und ist umfassend gebildet. Aber er ist auch von Geburt an behindert. Er leidet unter einer schweren Atemwegserkrankung und lässt sich daher heute entschuldigen. Wir improvisieren eine politische Fragstunde mit Bulat und Dascha. Beide sprechen ausgezeichnet Deutsch und beantworten eloquent unsere Fragen. 500 wirtschaftliche Kooperationspartner machten die Tataren ohne das Wissen Moskaus aus und brachten sie zur Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages. Doch inzwischen sind diese Verträge auf Wunsch Moskaus nichtig. Trotzdem sind wir uns einig, dass Föderalismus der bessere Weg ist. Anschließend wird uns die Möglichkeit gegeben einer außergewöhnlich ausführlichen Führung durch den Museumssaal der Universität beizuwohnen. Wir lernen, dass Lenin, der an der Kazaner Universität studieren musste, unter einem Autoritätsproblem litt, das weitreichende Folgen hatte, aber in der Familie lag: Sein Bruder hatte versucht, den Zaren zu ermorden! Lenin musste sein Studium wegen bislang ungeklärter Umstände vorzeitig abbrechen, ihn seiner beruflichen Zukunft so beraubt zu haben, wird noch heute als typische Ungerechtigkeit in der Zeit der „feudalen Knechtschaft“ empfunden. Am Abend locken uns die Russen unter einem fadenscheinigen Vorwand in ein Lokal. Angeblich wollen sie und das russische Nationalgetränk vorstellen. Doch das bekommen wir nie zu Gesicht. Dafür bekommen wir mit jedem Glas bessere Laune. Nach zwei Stunden haben wir den Russen das gesamte deutsche Volksgut beigebracht und sie singen mit uns aus vollen Halse. Leider können sie sich am nächsten Tag an nichts mehr erinnern.

 

Dienstag, den 10. Oktober 2006

 

Wieder Sonne. Vor dem ehemaligen Studienzimmer von Lenin und Tolstoi lernen wir etwas über die Eigenständigkeiten Tatarstans, die allesamt mit Moskau abgesprochen werden müssen und dadurch logischerweise überhaupt keine sind. Über jedes Projekt muss Moskau 20 Tage vorab informiert werden. Wie man mit so einer Einschränkung fertig wird, wollen wir den tatarischen Abgeordneten Prof. Tagirov fragen, doch er erscheint nicht, obwohl er keine Atemprobleme hat. Alternativ wird diskutiert und Jana inszeniert als Zwischenbilanz ein sogenanntes „Blitzlicht“, jeder soll sagen, was ihm bislang positiv an der Konferenz aufgefallen ist. Auf Grund umfassender Kritik von unserer Seite wird uns ein „Blitzkrieg“ unterstellt.

Bis zum Mittagessen haben sich die Wogen einigermaßen geglättet. Der Gegenschlag erfolgt mit kalter Rote-Beete-Suppe. Am Nachmittag besuchen wir das Kazaner Nationalmuseum. Unser Führer hat minus 14 Dioptrin und trägt eine beeindruckende Brille. Wir erfahren: Vor den Tataren lebten die Bulgaren in der Region. Kazan ist über 1000 Jahre alt und Katharina die Große wird als „Großmutter aller Kazaner“ verehrt, was eine reichlich naive Vorstellung ist, da in der Stadt über eine Millionen Einwohner leben. Am Abend gehen wir bowlen und besuchen das „Pharaon“ – den einzigen offiziellen Schwulenclub der muslimischen Welt. Er wird geführt von einem zweifachen, muslimischen Familienvater aus Kasachstan. Aber das dürfen wir nicht verraten. Homosexuelle sind immer noch sehr unbeliebt. Wir dagegen sehr, vor allem als wir für umgerechnet 30 Euro eine Jahresmitgliedschaft für den Club abschließen müssen, den wir auf Grund der Entfernung von Berlin wohl kaum noch mal betreten werden. Dafür ist der Wodka nicht schlecht um 24 Uhr tritt ein Transvestit auf und singt russische Schlager. Uns dagegen wird wieder ein mal klar, dass es nichts harmloseres gibt als „skandalöse Leute“. 

 

Mittwoch, den 11. Oktober 2006

 

Heute geht es um „Kultur und Identität“. Zwei große Wörter, denen wir gar nicht erst versuchen, gerecht zu werden. Dafür lernen wir uns besser kennen, denn jeder darf aufschreiben, was für ihn Kultur ausmacht und welche Assoziationen der Begriff in ihm weckt. Michael schreibt „Pilzkulturen“ auf, das sorgt für einige Lacher, aber darum geht es nicht. Am Ende einigen wir uns auf eine Definition: Kultur ist alles, was nicht Natur ist. Anschließend besuchen wir das Leninmuseum, zu dem dessen ehemaliges Wohnhaus umfunktioniert wurde. Unsere Führerin ist Lenins GAUF – der größte anzunehmende Fan. Wir erfahren, dass Lenin der intelligenteste Mensch einer hochbegabten Familie war und bereits mit 20 Jahren 18 Sprachen konnte, davon sechs fließend, ohne jemals im Ausland gewesen zu sein. Es fällt kein Wort über Arbeitslager, Zwangsenteignungen und Massenerschießungen, dafür erfolgen aber ausführliche Beschreibungen über Lenins goldene Abiturmedaille und tägliche Gesangsstunden. In Deutschland gab es eine Zeit lang T-Shirts auf denen stand: „Die Erde ist eine Scheibe, Schweine können fliegen und Atomkraft ist sicher“. Die würden hier gut laufen. Zum Abschluss bekommt jeder einen uralten Sticker zum 100jährigen Geburtstag Lenins. Wir überlegen, ob wir ihr beichten sollen, dass es die Sowjetunion nicht mehr gibt. Aber sehen aus Angst vor den Folgen davon ab.

Am Nachmittag kommt endlich unser erster Gast: Frau Zaripova. Sie spricht fehlerfreies Deutsch aber mit einer Betonung, als hätten wir ihre Familie zutiefst beleidigt. Sie versucht einen klar definierten Unterschied zwischen Tataren und Russen zu umreißen und scheitert. Es gebe tatarische Namen, aber auch Russen würden sie tragen. Es gebe die eigene Sprache, aber viele Tataren sprechen sie überhaupt nicht mehr. Auch die Religion wäre ein Merkmal, aber es gibt natürlich auch christliche Tataren. Wir hegen einen Verdacht: Tatarstan ist eine Idee der Oberschicht um wirtschaftlich Regionalinteressen in Moskau durchzusetzen!

Am Abend gehen Vilde und Verena mit Dascha Sushi essen. Ihr Vater ist ein reicher Bauunternehmer und ihr Freund baut Ölpiplines. Dascha ist immer braungebrannt, hat lange blonde Haare und trägt am liebsten rosa Plüsch. Wir haben schnell den Eindruck, dass wir sie unendlich langweilen. Aber mit einem Satz bringen wir ihre Augen einmal doch zum leuchten. Er lautet: „In Kazan sollte unbedingt Starbucks eingeführt werden.“

 

Donnerstag, den 12. Oktober 2006

 

Jana hält einen Vortrag über das Zusammenleben von Tataren und Russen auf Deutsch. Ihr Fazit lautet: „Aber Mehrheit der Bevölkerung bewertet interkulturelle Beziehung in Republik Tatarstan als ganz still.“ Wir sind beruhigt. Das Fernsehen ist da. Nachdem wir es schon in der hochauflagigen Universitätszeitung auf Seite 1 geschafft haben, lassen uns die Filmaufnahmen für die Abendnachrichten kalt. Anschließend folgt ein Erklärung zum Djaddidismus - eine regionale, aufgeklärte Form und auf die Erziehung des Menschen ausgerichtete, reformierte Form des Sunitentums. Am Ende sind sich alle einig, dass Djaddidismus in der arabischen Welt auf Grund mangelnder Nachfrage leider nicht etabliert werden könnte. Der Vorsitzende der Religionsrates der Republik Tatarstan, Herr Nabiev, kommt als Redner in unsere Runde. Er macht einen sehr sympathischen Eindruck und zählt ganze 1188 religiöse Einrichtung der Stadt zu seiner Institution.
Anschließend besuchen wir das orthodoxe Kloster Raifa. Dort sprudelt eine Heilquelle und aus einer Ikone der Mutter Gottes Blut. Man kann aber sehen, dass es nur rote Farbe ist. Unter Stalin wurden hier sieben Mönche „repressiert“. Das ist in Russland der gängige Begriff für politisch verfolgt und wahrscheinlich auch ermordet. Am Abend laden wir die Kazaner zu „Berliner Buletten“ in unser Wohnheim. Mikhail hat seine Gitarre mitgebracht und schüttet sich den Wodka rein, als würde er morgen verboten werden. Sein Vater ist ein berühmter Dichter der Avantgarde und Mikhail versteht sich auch als russischer Bohemian. Zuerst singt er ein deutsches Lied, das klingt wie „Katzelo“, dann einen englischen Song, der klingt wie „Imaschin“ und schließlich russische Lieder, die ihn fast zum weinen bringen und so laut sind, dass die Komandata vor Begeisterung die Polizei rufen will. Mikhail flieht über die Feuerleiter und bricht sich das Genick. Das war natürlich ein Scherz. Wir wissen jetzt, was mit „russischer Seele“ gemeint ist.
 

 

Freitag, den  13. Oktober 2006

 

Das Thema „Nationalsozialismus in Deutschland“ führt zu geteilten Meinungen im Plenum. Abschließend können wir die russischen Teilnehmer aber überzeugen, dass zwischen Etsch und Memel zur Zeit keine Straßenkämpfe zwischen „Kommunisten“ und „Nationalsozialisten“ stattfinden. Alles weitere verschieben wir nach Berlin. In einem Vortrag über „Wolgadeutsche“ lernen wir, dass man sich in Rußland „deutsch“ fühlen kann, obwohl man weder Sprache beherrscht noch Nationalität besitzt. Wir besuchen das Tatarische Parlament. Der Saal der Abgeordneten hat beige Ledersitze und wurde erst am Tag zuvor eingeweiht. Wir sind die erste Besuchergruppe, die ihn näherer Betrachtung unterziehen darf. Auf der Videoleinwand sieht man einen Techniker, der eine Tonprobe macht und auf dem Stuhl des Präsidenten Platz nimmt. Er redet bedächtig ins Mikrophon, grüßt dann mit erhobenen Händen und lacht sich schließlich kaputt. Beruhigend dass der Präsident doch nicht so ernst genommen wird, wie man vermuten könnte. Er hält sich seit 1989 auf seinem Posten, also noch länger als Helmut Kohl. Anschließend findet eine Fragstunde mit zwei parlamentarischen Schnarchnasen statt. Sie sind Abgeordnete und Vorsitzende der AG Wirtschaft und der AG Kultur und langweilen mit Endlos-Phrasen. Mindestens die Hälfte der Anwesenden schläft ein. Danach gehen einige in die Oper, andere zum Eishockey.

 

Samstag, den 14. Oktober 2006

 

Evaluation des Seminars. Alle sind zufrieden. Das ist das Schöne, wenn man sich selbst beurteilen darf. Das ist fast wie Sozialismus. Danach teilen wir uns in Gruppen auf und besuchen Friedhöfe, Kirchen und den städtischen Markt, um zu prüfen, ob sich die kulturellen Gruppen im Stadtbild widerspiegeln. Auf dem Markt verkauft eine bildschöne Muslimin selbstgehäkelte Schals. Als nicht sicher ist, ob schon bezahlt wurde oder nicht, beteuert sie: Sie könne zur Zeit überhaupt nicht lügen, es sei doch Ramadan! Ich sage, ich könne gar nicht fehlen, ich sei schließlich katholisch! Wir einigen uns schließlich auf einen günstigeren Preis. Abends gehen wir in ein Restaurant zum Abschiedsessen. Die Wände sind neongrün. Es gibt eine Karaokeanlage und kleines Wasser für alle. Wir singen…

 

Sonntag, den 15. Oktober 2006

 

6 Uhr aufstehen, nein, doch erst 7 Uhr. Wir fahren mit einem kleinen Bus, einer sogenannten Marschrutka (sehr apart aus dem deutschen „Marschroute“ entlehnt) zum Flughafen. Bulat begleitet uns. Er ist sehr engagiert und so früh am Morgen verdächtig gut gelaunt. Er sieht erleichtert aus, als wir endlich hinter dem Gate verschwunden sind. Aber so schnell ist er uns ja noch nicht los. Ende November sehen wir uns wieder in Berlin. Wir machen uns auf den Heimweg. Feierabendstimmung. Schöne Woche. 

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